Achtsamkeit: beim Essen

Warum schmecken die ersten und letzten Bissen immer am besten?

Weil wir da NOCH und erst WIEDER bewusst bei unserem Teller, unserer Mahlzeit, unserem eventuell aufwendig gekochten Essen sind. Die ersten zwei, drei Bissen und die letzten paar Happen werden in der Regel mit voller Aufmerksamkeit gegessen, genossen, geschmeckt. Dazwischen sind wir nicht bei der Sache, unbewusst. Essen wir alleine – in Gedanken vertieft. Essen wir in Gesellschaft, mit Freunden, Familie – sind wir höchstwahrscheinlich in einem Gespräch. Oder ebenfalls ein weitverbreiteter Bewusstseinskiller beim Essen ist der gleichzeitige Konsum von Medien. Von Handy, Zeitung, Fernsehen oder Ähnlichem.

Ein Grund vielleicht, warum wir oft einen Nachschlagen wollen, obwohl unser Magen bereits ein Sättigungsgefühl signalisiert. Die letzten Bissen sind dann wieder genauso bewusst schmackhaft wie die Ersten, nur das der Teller fast leer ist und wir gefühlt nur ein paar Happen bewusst wahrgenommen haben. Wir wollen das Szenario einfach noch nicht beendet wissen, also gönnen wir uns eine Verlängerung und holen uns noch mal nach. Ein Grund vielleicht, warum Naschen so viel Spaß macht. Sich einen Happen aus der Küche stibitzen und genüsslich kauen, schmecken, genießen ist vielmehr achtsames Essen, als wenn wir dann tatsächlich vor unserem Teller sitzen.

Sagen wir mal, wir sitzen alleine am Tisch: Wo sind wir mit unseren Gedanken, während wir essen? Wir kauen, wir schlucken, wir schmecken, aber alles irgendwie im Hintergrund, denn unsere volle Aufmerksamkeit gehört unseren Gedanken, die sich um Geschichten aus Vergangenheit, Zukunft und vermeintlich wichtige Probleme drehen. Warum ist das so? Was hält uns davon ab, voller Achtsamkeit für unser Essen im Hier und Jetzt zu sein?

Einen achtsamen Geisteszustand aufrecht zu erhalten ist für ein paar Momente spielend leicht, aber darüber hinaus umso schwerer. Das läuft einfach den Gegebenheiten in unserem Hirn entgegen. Neurowissenschaftler haben in unserem Gehirn ein Ruhezustand-Netzwerk entdeckt, das hoch aktiv ist, wenn wir uns im Ruhemodus befinden. Sprich wenn wir keiner Arbeit, Aufgabe, Beschäftigung nachgehen, die eine gewisse Denkleistung für sich in Anspruch nimmt. Wenn wir uns zum Essen an den Tisch setzen, kommen wir für kurze Zeit zur Ruhe. Wir haben Pause von der Arbeit. Frühstückspause, Mittagspause. Wir entspannen im besten Fall und unser Gehirn verfällt in einen Ruhezustand, das Ruhenetzwerk wird aktiv. Dieses Netzwerk hat drei grundlegende Aufgaben: unser Selbstgefühl erzeugen, dieses Gefühl von uns selbst in die Vergangenheit und Zukunft projizieren und Probleme lösen.

Menschen könnten sich jetzt fragen: Wieso? Wieso nutzt unser Gehirn den Ruhemodus, um Probleme zu lösen? Eigentlich ganz einfach: Weil unser Nervensystem aufs Überleben ausgelegt ist und leider nicht aufs Glücklichsein. Also werden die Pausen, in denen die Gedanken Zeit zum Umherschweifen haben, dafür genutzt, unser Überleben zu sichern. Die Gedanken in den Ruhepausen drehen sich dann sehr oft um Probleme aus der Vergangenheit oder um Probleme, die in der Zukunft noch entstehen könnten. Das heißt, wenn wir uns zum Essen hinsetzen und für diese Pause kurz zur Ruhe kommen, sind wir bei den ersten Bissen noch im Hier und Jetzt, teilen eventuell kurz mit, wie gut das Essen schmeckt und tauchen nicht viel später hinab in die unbewusste Welt der Gedanken und Probleme. Bei den letzten Bissen wachen wir dann wieder auf und stellen fest, alles gleich aufgegessen. Und dann schmecken wir noch mal ganz bewusst, denn der Teller ist gleich leer. Aus evolutionärer Sicht ist das nützlich, in den Pausen das Überleben zu sicher. Aber dieser Überlebensmodus steht natürlich in diesem Fall unserem Genuss, dem bewussten Genießen über den Moment hinaus und ganz allgemein dem Glücklichsein im Weg. Sich an etwas bewusst zu erfreuen macht glücklich, ist uns aber leider gefühlt immer nur für ein paar wenige Augenblicke vergönnt. Denn nur zu schnell schaltet sich das Gehirn mit seinem Ruhezustand-Netzwerk-Überlebensmodus ein.

Was können wir also tun? Geistige Gegenwärtigkeit trainieren, um uns dessen bewusst zu sein. Sind wir achtsam mit uns selbst im gegenwärtigen Moment, werden wir uns unserer inneren Kinovorstellung, unserem inneren Radiosender bewusst. Wir gewinnen Abstand und verlieren uns nicht darin. Mit Achtsamkeit für die eigene Innenwelt öffnet sich ein Raum, der uns Freiheit schenkt und die Möglichkeit, das Kino zu verlassen und den Radiosender abzustellen. Wir entscheiden dann, ob dieser Gedanke weiterverfolgt werden möchte oder ob versucht wird, ganz bewusst das Essen zu schmecken, zu riechen, zu sehen, im Mund zu fühlen – mit allen Sinnen zu genießen. Schlussendlich hat Achtsamkeit die Tendenz, das innere Ruhenetzwerk zu deaktivieren. Sprich, wenn ich mich darin übe, bewusst im Hier und Jetzt mich und meine Umwelt zu erleben, werden die unbewussten Geisteszustände, in denen Probleme gewälzt werden, immer weniger. Stück für Stück tauchen wir immer öfter auf in die Präsenz des gegenwärtigen Moments und können diesen Zustand auch Stück für Stück länger halten. Und! in diesen Momenten fällt es besonders leicht mit dem, was ist, einfach glücklich zu sein. Also es lohnt sich, Achtsamkeit zu üben.

Aber was ist, wenn wir in Gesellschaft mit Freunden oder der Familie essen? Wenn die Kinder sich am Tisch mitteilen wollen, kann man ihnen deswegen den Mund verbieten? Als ich mir diese Frage gestellt habe, kam mir eine Erinnerung aus meiner Kindheit hoch. Mir wurde immer gesagt: „Mit vollem Mund spricht man nicht.“ Klar ging es da in erster Linie wahrscheinlich darum, den Knigge-Regeln zu folgen und nicht beim Sprechen mit offenem Mund Gefahr zu laufen, meinem Gegenüber auf den Teller zu spucken. Oder eben den anderen am Tisch, den Anblick meines Gekauten zu ersparen. Aber deuten wir den Spruch in Richtung Bewusstsein beim Essen um, ist wahrscheinlich auch in der Hinsicht etwas Wahres dran. Dann könnte man mit seinen Kindern in liebevoller Absprache vielleicht die Vereinbarung treffen, nur so lange wie gekaut wird nicht zu sprechen, um mit voller Begeisterung die vielen verschiedenen Geschmäcker wahrnehmen zu können. So üben sich dann auch schon die Kleinen in Bewusstsein und Achtsamkeit.

In meinem nächsten Beitrag gehe ich der Frage nach, warum es nach chinesischer Medizin so wichtig ist, wirklich ganz bewusst alle Geschmäcker zu schmecken. Und es wird auch eine Qi Gong Anleitung für achtsames Essen geben. Ich würde mich ebenfalls über Rückmeldungen freuen, wie es Dir mit dem achtsamen Essen geht.

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TCM: Alle Geschmäcker bewusst genießen

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